Wie Wollen Wir Leben?

In Bundestagsreden, in politischen Kommentaren, in den sozialen Medien und vielen Blogs, durchaus auch in wissenschaftlichen Arbeiten finden wir die Mahnungen, doch endlich aufzuwachen aus unserer bundesdeutschen Lethargie: die Zukunft entschlossen anzugehen, zu gestalten und uns zu öffnen für das Neue. Natürlich wird auf technologische Veränderungen hingewiesen, auf rapide Umbrüche in der Arbeitsorganisation, bei den Arbeitsinhalten, der Stellung der Menschen im Arbeitsprozess. Oft folgen nachdrückliche Appelle an ein besseres Bildungssystem, mit höherer Chancengerechtigkeit für Menschen aus Haushalten ohne akademischen Hintergrund, aus anderen Kulturen, mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen. Inklusion und der Abbau von Bildungsarmut sind hier bekannte Stichworte. Der Umbau der Krankenversicherung wird thematisiert. Das duale System, das Nebeneinander von privaten und gesetzlichen Krankenkassen, hat sich als nicht zukunftsfest erwiesen, ist ineffizient und überträgt soziale Unterschiede in die Versorgung von Kranken. Auch hier wird ein aktives Gestalten gefordert, und das nicht erst seit heute. Das Rentensystem droht zu kippen und nicht mehr das zu leisten, was es anfangs versprochen hat, nämlich dass die Rente sicher ist und im Alter ein gutes Leben garantiert, solange man nur ausreichend viele Jahre gearbeitet und eingezahlt hat. Auch die Wohnungsfrage drängt. Räumliche Verdichtungen auf der einen Seite und verlassene Landschaften ohne Infrastruktur auf der anderen schreien nach proaktivem Handeln. Zutreffend titelt die Caritas in einer Plakataktion: „Auf dem Land wird noch ehrlich gekickt, auch wenn die Elf nur noch zu fünft spielt" oder „Wer das Land liebt, kommt nicht mehr davon los. Zumindest nicht mit dem Bus". Und wie steht es mit der Einkommens- und Vermögensverteilung insgesamt? Warum sperren wir uns nicht gegen maßlose Bonuszahlungen, die Gerechtigkeitsvorstellungen der Menschen in Deutschland aushöhlen? Nach der neuesten Statistik verdienen Topmanager 52-mal so viel wie der Durchschnittverdiener. Warum lassen wir es zu, dass einige wenige hohe Vermögen anhäufen, viele aber von ihrem Lohn allein nicht leben können? Liegen diese Themen jenseits der Gestaltbarkeit oder des Gestaltungswillens der Menschen in Deutschland oder der politischen Akteure? Natürlich wären auch der Klimawandel und die europäische Frage zu nennen, doch ich hebe ein letztes Beispiel hervor: Flüchtlinge und Migranten. Wir haben kein Einwanderungsgesetz. Harte Positionen treffen hier aufeinander, unversöhnlich bis zur Regierungskrise. Aufs Ganze gesehen - uns fehlt der ehrliche Diskurs.

 

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Diese Semantiken überfälliger Veränderungen, einer Vogel-Strauß-Politik und der schieren Unfähigkeit des aktiven Gestaltens treffen auf Standpunkte, die das genaue Gegenteil formulieren. Ein Festhalten am status quo wird gefordert und, mehr noch, ein Rückbau in die vermeintlich bessere Welt von gestern, mit sogenannten Normalarbeitsverhältnissen, traditioneller Rollenteilung zwischen Männern und Frauen, ohne die Ehe für alle. Ein Heimatministerium wird eingerichtet, Migranten sollen wieder temporäre Gäste sein, in einem starken Nationalstaat mit klaren  Grenzen, vielleicht sogar bald mit einer eigenen Währung.

 

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Angesichts dieser zerrissenen Diskurse hat das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, ein großes Leibniz-Institut, welches ich seit über zehn Jahren leiten darf, zusammen mit der Wochenzeitung DIE ZEIT und dem infas-Institut für angewandte Sozialwissenschaft über 3100 Menschen befragt. Männer und Frauen in Deutschland, die zwischen 14 und 80 Jahren alt waren, in Ost und West, Süd und Nord lebten, in Städten und auf dem Land, mit oder ohne Migrationserfahrung. Wir haben sie zu Hause besucht und lange mit ihnen gesprochen. Über ihr Leben, über das, was ihnen selbst wichtig ist, was sie bewahren und den kommenden Generationen mit auf den Weg geben möchten. Über das, was sie abwerfen und hinter sich lassen würden, könnten sie nochmals entscheiden, wie sie ihr Leben führen. Vermächtnis haben wir das genannt, man könnte auch von einem Auftrag reden, den sie uns und vielleicht sich selbst erteilen.

 

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Beide Fragerichtungen – „Wie ist es heute?“ und „Wie soll es werden?" – sind für sich genommen spannend. Was mich aber besonders interessiert, sind die Vergleiche zwischen den Antworten auf die beiden Fragerichtungen.

 

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In welchen Lebensbereichen empfehlen, wünschen und fordern die Menschen ein „weiter so"? Wann also legen sie ihren eigenen Lebensentwurf den kommenden Generationen unverändert ans Herz? Gibt es eine einheitliche Meinung oder liegen die Ansichten weit auseinander? Machen das Geschlecht, die Bildung, das Alter, die Migrationserfahrung einen Unterschied?

 

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Und in welchen Bereichen ist es umgekehrt? Wo wird von wem das Gegenteil gefordert? Das Morgen soll dann gerade nicht das Heute sein, man wünscht sich, ja man fordert Veränderungen und den Mut, diese auch umzusetzen.

 

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Beginnen wir mit den Bereichen, in denen die Menschen Kontinuität einfordern. Hier sticht die Erwerbsarbeit hervor. Sie ist den Menschen sehr wichtig, da sind sie sich einig. Und alle wünschen sich, dass es auch so bleibt. Junge Menschen, die noch nicht erwerbstätig sind, ebenso wie Ältere, die schon lange im Ruhestand sind. Gut Gebildete und schlecht Gebildete, Menschen mit und ohne Migrationserfahrung.

 

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Das ist zunächst wenig überraschend. Die Menschen arbeiten, um sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Doch Erwerbsarbeit bedeutet ihnen mehr als nur finanzielle Absicherung. Sie schafft neue kommunikative Räume, bringt neue Erfahrungen, Orte außerhalb der eigenen Familie, ein Stück eigenes Leben, wie Elisabeth Beck-Gernsheim das so treffend ausgedrückt hat. Selbstwertgefühl, eine nicht in Geld zu messende Bereicherung des Lebens.

 

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Um dies mit fester Stimme sagen zu können, habe ich nicht in eine Zauberkugel geschaut. Vielmehr entnehme ich dies den Antworten der Menschen auf die Frage: „Würden Sie auch erwerbstätig sein, wenn Sie das Geld nicht bräuchten?" Über 60 Prozent der Befragten stimmen dem vorbehaltlos zu. Die Ausnahme bilden Menschen in schlechter Arbeit, also mit befristeten Tätigkeiten in Folge, vielen Schichtdiensten, Niedriglohn, Arbeit auf Abruf, Überforderung am Arbeitsplatz aufgrund zu dünner Personaldecke.

 

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Dennoch: Dieses starke Drängen auf Erwerbsarbeit beschäftigt mich sehr und macht mich nachdenklich. Denn es trifft auf parallele Diskussionen um das bedingungslose Grundeinkommen, das einen starken und breiten gesellschaftlichen Zuspruch erfährt. Wann immer ich auf Podien sitze und mit jenen diskutiere, die sich entschlossen für ein bedingungsloses Grundeinkommen einsetzen, stehe ich mit meiner Meinung allein. Es verhallen meine Hinweise auf die Ergebnisse vieler Studien und darauf, dass die soziale Ungleichheit im Einkommen noch zunehmen würde, da auch viele begüterte Menschen das Grundeinkommen bekämen, ohne dieses Geld auch nur ansatzweise zu brauchen. Meine Argumente, dass sich viele Arbeitgeber ihrer Verantwortung für den Erhalt von Beschäftigung einfach entziehen könnten, sich sozusagen „freikaufen“, überzeugen nicht. Wie kann es sein, dass eine repräsentative Befragung ergibt, dass die Erwerbsarbeit allen  außerordentlich wichtig ist und sie doch einem bedingungslosen Grundeinkommen applaudieren?

 

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Weiterführende Studien und Nachfragen haben mir gezeigt, dass ein bedingungsloses Grundeinkommen oft geschätzt und gefordert wird, weil es genau genommen gar nicht um bezahlte Arbeit geht. Es geht um Sicherheit und um bezahlte freie Zeit. Diese „unbedingte freie“‘ Zeit nimmt einen immer größeren Stellenwert ein. So möchten die Menschen ein Sabbatical nehmen und dieses für eine Orientierungsphase nutzen können. Sie möchten zeitweise ihre Arbeitsstunden reduzieren und dann sicher auf ihre ursprüngliche Stundenzahl zurückkehren können. Dieser Interpretation entspricht auch der jüngste Tarifabschluss der IG Metall, der mit Pflege und Kindererziehung bei teilweisem Lohnausgleich erstmals ein sogenanntes Frauenthema in den Vordergrund gerückt hat. Dabei wurden auch Grundsatzfragen wie die Verteilung von bezahlter und unbezahlter Zeit zwischen Frauen und Männern diskutiert. Dass die IG Metall mit einem sehr hohen Männeranteil hier wichtige Impulse setzt und damit vielleicht den entscheidenden Impuls für den Kabinettsbeschluss zum Recht auf befristete Teilzeit gegeben hat, war für mich eine sehr positive Überraschung.

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Auch aus meinem eigenen beruflichen Umfeld kann ich ein Beispiel ergänzen. Das WZB ist ein fertiles Institut, wenn ich das so sagen darf. Wir freuen uns alle über Kinder, es macht uns nichts aus, für die jungen Mütter und Väter einzuspringen, sie à jour zu halten. Nur manchmal beobachte ich eine Art Schluckauf . Dann nämlich, wenn Eltern zusammen Elternmonate nehmen, eine lange Reise antreten und wohlgemeinte Postkarten aus der Ferne schicken. ,,Ich will auch mal zwei Monate raus, warum muss ich dafür ein Kind bekommen?" Diese Frage höre ich dann von jenen, die aus verschiedenen Gründen keine kleinen Kinder haben oder deren Kinder längst erwachsen sind.

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Was ist also zu tun? Wir müssen Geld und Zeit und Arbeit und Sicherheit in neuer Weise denken. Wir müssen alternative Abfolgen der einzelnen Lebensphasen motivieren und ermöglichen, mit Unterbrechungen in der Mitte des Lebens und einem Arbeiten im späteren Verlauf. Die gestiegene Lebenserwartung bei guter Gesundheit erlaubt uns, diese Modelle umzusetzen. Und sicherlich lassen sie sich auch versicherungsmathematisch berechnen. Ich würde mich freuen, wenn nicht nur Wirtschaft und Politik, sondern auch die Zivilgesellschaft  hier aktiv würden und Impulse setzten. Dabei sollten wir das Feld des bedingungslosen Grundeinkommens nicht einigen wenigen privaten Initiativen und Crowdfunding-Projekten überlassen, sondern systematisch untersuchen, wofür Menschen das bedingungslose Grundeinkommen nutzen würden. Eine solche Forschung und die gewonnenen Erkenntnisse könnten eine zerfahrene Diskussion erhellen und zu sinnvollen gesellschaftlichen Neujustierungen führen. Sie könnten auch verbunden werden mit neuen Forderungen nach einem solidarischen Grundeinkommen und mit der von Tony Atkinson eingebrachten und von der SPD übernommenen Idee eines Chancenkontos zu Beginn des Lebens. Auch hier sollten wir die erwartbaren Wirkungen ausloten, über mögliche Ausgestaltungen und Flankierungen nachdenken und erst nach sorgfältiger Bewertung implementieren - oder auch nicht.

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Auch in einem zweiten Bereich wünschen sich die Menschen Kontinuität. Sie teilen das tiefe Bedürfnis nach Nähe, nach einem Wir-Gefühl, nach Familie, nach einer sozialen Einbettung und stellen sich damit in gewisser Weise gegen Individualisierung, Wettbewerb und Selbstdarstellung. Die Zustimmung ist groß, über alle Gruppen hinweg. Die Vorstellungen, wie dieses Zusammenleben ausgestaltet sein sollte, variieren aber deutlich. Beispielsweise gilt manchen die Ehe als Ausdruck einer besonderen Liebe, andere leben bewusst in einer Partnerschaft ohne Trauschein. Aber die unterschiedlichen Modelle werden von allen akzeptiert, die Vielfalt wird anerkannt und begrüßt.

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Allerdings gibt es auch in diesem Bereich Entwicklungen, die mich stutzig und nachdenklich machen. Denn wiederum lässt sich empirisch belegen, dass Freundeskreise und Partnerschaften mehr und mehr in den eigenen sozialen Kreisen gefangen bleiben und sich selten unbekannten Anderen öffnen. Man diskutiert und unternimmt Dinge unter seines- und ihresgleichen, status- und meinungskonform. Diese Wohlfühlgruppen haben selbstverständlich ihre Berechtigung, gesellschaftspolitisch aber sehe ich eine gewisse Gefahr – und diese geht weit über die Gefahr einer sich weiter spreizenden sozialen Ungleichheit hinaus, die sich daraus ergibt, dass Partnerschaften von sozial gut gestellten Menschen zu einer Akkumulation von Vermögen führen und Partnerschaften von Menschen mit Niedriglohn zu einer Verdopplung von sozialen Risiken. Mindestens ebenso wirkmächtig wie die soziale Ungleichheit ist der kulturelle Riss, der sich dann ergibt, wenn Menschen unter ihresgleichen bleiben. Nicht nur Daniel Ziblatt sieht  hier die Demokratie in Gefahr.

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Wer das Fremde nicht kennenlernt, verschließt sich dem Fremden eher. Wer aber Menschen aus anderen sozialen, ethnischen, religiösen Kreisen begegnet, hat die Chance, seine Vorurteile und Zuschreibungen zu überprüfen, den Menschen, das Subjekt, hinter dem Objekt zu erkennen. Er kann sich so eher für das Neue und Andere öffnen. Denken Sie etwa an ihren Konfirmationsunterricht, der sich nicht nach sozialen Kreisen ausgerichtet hat, an ihren Wehr- oder Zivildienst, vielleicht auch an Ihr soziales Jahr.

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Stereotypisierungen haben fast immer fatale Folgen. Sie führen zur Ausgrenzung von Menschen mit anderem sozialen Hintergrund, mit Migrationserfahrung, mit anderer Religion oder mit anderem Geschlecht. Jede Frau in einer Führungsposition kann abendfüllend darüber berichten. Und Männer sicherlich auch. So fühlte ich mich vor Kurzem mehr als ertappt, da mich hunderte von Müllarbeitern eben nicht auf die Schippe nahmen, als ich inkognito eine ganze Mülltour mitgefahren bin um ihre Arbeitsbedingungen besser zu verstehen. Nichts von „Der Alten werden wir es mal zeigen“ oder Ähnlichem. Nicht im Ansatz. Auch nicht von den Berliner Bürgern, die Frauen bei der Müllabfuhr nicht kennen. Und so kehrte ich nach einem aufregenden Tag nicht triumphierend zurück mit der Feststellung „Auch Frauen können das“.  Das sagte ich zwar auch. Viel wichtiger war mir die Botschaft, dass man verdammt schnell in Stereotypisierung fällt und sich in ihnen verfängt. 

 

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Was können Politik und Zivilgesellschaft hier tun, um dem Neuen und Anderen mehr Chancen zu geben? Wir können daran arbeiten, Institutionen und Räume des Kennenlernens zu schaffen oder wieder einzuführen, wenn sie abgeschafft wurden. Den Zivildienst beispielsweise, verpflichtend nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen. Kitas und Schulen, die zumindest in der Grundstufe nicht segregiert und, wie in manchen Privatschulen, bewusst quotiert sind. Duale Ausbildungsgänge und Hochschulen fördern, die von Vielfalt leben. Finnland gibt einmal mehr den Weg vor: In allen Einrichtungen der Bildungskette steht dort Diversität ganz oben, das betrifft die Zusammensetzung der Klassen wie auch die Lehrinhalte.

 

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Wir brauchen eine Baupolitik, die systematisch auf die Vernetzung sozialer Kreise setzt und sie nicht noch stärker abschottet. Wir brauchen Mietpreisbremsen, klar. Wir müssen aber auch unseren sozialen Wohnungsbau massiv ausweiten (das neu eingeführte Baukindergeld wird hier nichts helfen) und darauf achten, dass die neuen Sozialwohnungen auch in Stadtteilen von gut Situierten gebaut werden. Ich komme gerade aus Los Angeles zurück, wo ich ab August für vier Monate leben und forschen werde: Eine solche Zersiedlung, solch hohe Anteile von erwerbstätigen Obdachlosen wollen wir hier nicht. Carpe Diem , noch ist es nicht zu spät.

 

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Letztlich und grundlegend müssen wir uns alle gegen die Verrohung unserer Sprache stellen. Sprache und Handeln liegen nicht weit auseinander. Der Bundespräsident hat gerade nochmals ein großes und dringend notwendiges Ausrufezeichen gegen Begriffe wie Asylterrorismus , Flüchtlingswelle, Untermenschen, etc. gesetzt. Es wird nichts besser, wenn wir den rechten Rand überflügeln wollen.

 

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Soweit zu den beiden für die Menschen in Deutschland ganz grundlegenden Werten des Miteinanders und der Erwerbstätigkeit. Die Menschen in Deutschland wollen diese Werte erhalten wissen.

 

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Kommen wir nun zu den Bereichen, in denen sich die Menschen in Deutschland eine Veränderung wünschen, in denen sie sich selbst korrigieren. Hier treibt sie besonders der technologische Wandel um. Sie fühlen sich unzureichend gewappnet und wollen für die Anforderungen der Digitalisierung besser gerüstet sein.

 

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Konkret: Bei der Frage danach, wie wichtig es ihnen ist, die neuesten technologischen Entwicklungen zu verstehen, sind die meisten Menschen selbstkritisch. Sie wissen, sie sollten sich stärker interessieren und empfehlen dies auch den kommenden Generationen. Alterseffekte sind hier deutlicher als in den meisten anderen Bereichen. Insbesondere Ältere betonen, wie wichtig es ist, sich so früh wie möglich mit den Hintergründen des technologischen Wandels zu befassen. Die Jüngeren, die mit dem Internet und den digitalen Medien aufgewachsen sind, antworten dagegen vorsichtiger als die Älteren und würden beispielsweise Kinder nicht so früh an die neuen Techniken heranführen. Alle aber sind sich einig, dass mehr getan werden muss, damit die Menschen die Möglichkeiten der Digitalisierung selbstbestimmt nutzen können. Curricula müssen entwickelt werden, die digitale Kompetenzen vermitteln, damit die Menschen an der heutigen und morgigen Gesellschaft teilhaben können.

 

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Die Menschen sind prinzipiell offen für Neues, das zeigen ihre Antworten. Aber sie schaffen das nicht alleine. Wir müssen ihnen interessante, für sie passgenaue Angebote machen, ihnen den Mut geben, neue Herausforderungen zu meistern, und die Sicherheit, dass sie mit dem neuen Wissen weiterkommen und eine Chance haben. Nehmen wir wieder ein Beispiel. Wenn Fahrer in der Straßenreinigung zu Hause einen Staubsaugerroboter haben, ahnen sie  zumindest, dass dies auch eine Option für „ihre Straße“ wäre. Gleiches gilt für Bankangestellte, die selbst nie einen Schalter nutzen und alles digital erledigen würden. Diese Menschen und viele mehr werden unsicher und fürchten um ihren meist gut bezahlten und sicheren Job. Sie sehen die Veränderungen und übertragen deren Bedeutung auf sich selbst. Und was machen wir? Nichts. Wir lassen sie arbeiten, Unsicherheit und gegebenenfalls Arbeitslosigkeit erleben. Wir müssen aber präventiv vorsorgen, bevor der Schadensfall Arbeitslosigkeit eintritt. Wir könnten Menschen in Jobs, die starker Digitalisierung unterliegen, rechtzeitig vor der Entlassungswelle in Teilzeit gehen lassen und sie zeitgleich weiterbilden in Tätigkeiten, die eine Zukunft haben. Die Kosten wären solidarisch zu tragen – von der Wirtschaft und dem staatlichen Bildungssystem. Verschiedene Untersuchungen zeigen uns, wo und wie sich die Tätigkeitsinhalte verändern. Warum passen wir die dualen Ausbildungscurricula und die duale Hochschulbildung nicht entsprechend an? Warum schaffen wir keine Brücken, die Sicherheit bieten bei dem schwierigen und zumindest in Deutschland institutionell wie kulturell nicht gut vorbereiteten Wechsel zwischen Berufen, Tätigkeiten und Jobs?

 

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Kommen wir zu einem zweiten Bereich, in dem sich die Menschen Veränderung wünschen und sich häufig selbst kritisieren: gesunde Ernährung und eine nachhaltige Nahrungsmittelproduktion. Die Menschen wissen recht gut, wenn sie ungesund essen und durch ihren Konsum eine Tierhaltung und Landwirtschaft unterstützen, die sie eigentlich moralisch ablehnen. Bei Kleidern, die von Kindern hergestellt werden, ist das ähnlich. Hier fordern die Menschen staatliche Rahmenverordnungen, die strenger sind als bisher, die für stärkere staatliche Kontrolle der Lebensmittelkonzerne sorgen, aber auch für vollständige und verständliche Informationen über die Produkte. Und sie wünschen eine Gesundheitsbildung von Beginn an, Aufklärung über gesunde Ernährung, über Nahrungsketten, die bedrohte Biodiversität und die damit einhergehenden Folgen für alle. Auch auf diesem Feld müssen wir massiv investieren.

 

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Es mag gut sein, dass ich Ihnen zu positiv daherkomme, zu optimistisch in meiner Grundhaltung bin, dass sich die Dinge anpacken und verändern lassen. Das war nicht immer so. Die Befragung der über 3000 Menschen hat ihre Spuren hinterlassen, hat mir gezeigt, dass die Werte und Normen der Menschen in Deutschland noch eng beieinander liegen, wir über alle Unterschiede hinweg also noch einen gemeinsamen Wertekanon in uns tragen. Anders ist es nicht zu erklären, dass Menschen bei den Antworten auf die Frage nach ihrem Vermächtnis, nach dem, was sie sich von den kommenden Generationen erhoffen, so viel näher beieinander liegen als bei den Antworten auf Fragen zum „Wie ist es Heute?“. Anders ist es auch nicht zu erklären, dass Menschen aus allen sozialen Schichten für eine solidarische Umverteilung eintreten, auch dann, wenn sie selbst Abstriche machen müssten. 

 

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Ich komme zum Ende. In der Vermächtnisstudie wurde nach den beiden Fragen „Wie ist es heute?“ und „Wie soll es werden?" noch in eine dritte Richtung gefragt, und zwar: „Wie wird es tatsächlich sein?“ Hier geht es nicht mehr um die befragte Person, hier geht es um die Wahrnehmung dessen, was man bei den Mitmenschen beobachtet. Man bewertet dies und schreibt es in die Zukunft fort. Alle Prognosen fußen auf diesem Prinzip.

 

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Der Vergleich dessen, was wir selbst tun, oder empfehlen zu tun, und dem, was wir von den Anderen um uns herum erwarten, zeigt große Unsicherheit, oft auch Sorge. Als Unsicherheit oder Sorge umschreibe ich Antworten, die ins „weiß nicht“ rutschen, die Menschen die eigene Befürwortung oder Ablehnung bestimmter Sachverhalte nicht so richtig im Verhalten der Anderen gespiegelt sehen. Selten äußern die Menschen Angst, befürchten also, dass etwas richtig kaputt geht. Entsprechend fällt meine Zeitdiagnose auch hier positiver und weniger dramatisch aus als die vieler Kollegen. Die Menschen artikulieren Unsicherheit und Sorge, aber die meisten von ihnen zeigen keine schiere Angst und verfallen nicht in Angststarre, die jede Bewegung unmöglich macht.

 

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Wir können also viel tun und wissen, wie wir die Menschen mitnehmen können. Dies lässt mich meinen Appell wiederholen: Wir müssen auf vielen Gebieten in die Bildung der Menschen investieren, ihre prinzipielle Offenheit für Neues fördern, in demokratischen Schulen, die Diversität und Inklusion leben, in sozialen Räumen, die Begegnungen und Kennenlernen verschiedenster Menschen ermöglichen. Wir müssen Orte der Begegnung schaffen und entsprechende Anreize geben. Das Mannheimer Bündnis für ein Zusammenleben in Vielfalt tut genau das. Es unterstützt das breite gesellschaftliche Engagement für das Miteinander in gegenseitiger Anerkennung und Verständigung. Das ist mehr als Toleranz, die sich auch in einer passiven Duldung zeigen kann. Ich habe mich daher gefreut als Mannheim 2015 den alten MAP, den Mannheimer Aktionsplan für Toleranz, hinter sich gelassen und sich einem aktiven Miteinander verpflichtet hat.

 

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